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Am 20.September 1915 ereignete sich in der Wolfgänger Pulverfabrik ein Explosionsunglück. Sechs Arbeiter fanden den Tod. An die Opfer erinnert ein Ehrenmal auf dem Wolfgänger Friedhof.

Mein Großvater Eduard Horst (1902 bis 1985) schreibt als Zwölfjähriger seinem im Felde stehenden Vater Wilhelm Horst (1874 bis 1944) über die Explosion und über die von ihr ausgelösten Gerüchte über Schaden und Todesfälle.

Auch wenn der Bericht wenig Neues zu den historischen Tatsachen hinzufügt, halte ich ihn für eine originelle „Stimme“ aus der Vergangenheit. Ich schicke Ihnen deshalb anbei den Brief als Bild sowie eine moderne Abschrift und noch ein Foto der handelnden Personen (ganz links mein Großvater Eduard, ganz rechts sein Vater Wilhem).

Mit den besten Grüßen

Dieter W. Horst

Fam Wilhelm Horst SeniorBilder zum Vergrößern bitte anklicken!

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Klein Steinheim, den 21. September 1915

Lieber Papa!

Ich habe deinen Kartenbrief erhalten und daraus ersehen, dass es dir noch gut geht. Gestern sprang der Schmelzraum 63 von der Pulverfabrik in die Luft. Wir standen gerade im (Steinheimer) Bahnhof und warteten auf den Zug 1.17 um in die Schule (nach Offenbach) zu fahren. Plötzlich tat´s einen furchtbaren Knall, und vor dem Luftdruck bogen wir uns unwillkürlich zur Seite. Ganz hinten in der Richtung Pulverfabrik stieg ein 20 m breite rabenschwarze Rauchsäule etwa 50 m hoch und breitete sich in eine grosse Rauchwolke, die man nach 10 Minuten in Offenbach gesehen hatte.

Natürlich entstanden allerlei Gerücht, die meist unwahr waren. Z.B. Die ganze Pulverfabrik ist in die Luft geflogen, dabei war es nur ein ganz winziger Teil; oder die Köpfe flogen bis nach Auheim, die Därme würden auf den Dächer liegen, ein Rollwagen sei in die Luft geflogen und nicht mehr heruntergekommen; ja, ein Pulverarbeiter behauptet, wie er die Tür herausgegangen sei, sei er über 4 Köpfe gestolpert, ein anderer hätte 7 Herze gefunden und ein Dritter, er hätte 7 ganze Schädel und 2 halbe gefunden; so wollte jeder etwas wissen, auch über die Anzahl der Toten und Verwundeten. Einer sagte 20 Tote ein anderer 11 und noch ein anderer sagte 200 ein vierter 80 und Fünfter 50, ein sechster 20 Verwundete. Man muss halt immer dem Wenigsten glauben. Ich nehme an 6 – 8 Tote und 70 – 80 Leichtverwundete. In der ganzen Pulverfabrik ist keine Scheibe mehr ganz.

Von Klein-Steinheim ist Gott sei Dank keiner tot. Von Gross-Steinheim der Strassenwärter Kemmerer der gerade vor diesem Hause pflasterte. Die Zeitung darf von diesem Vorfall nichts veröffentlichen.

Heute war Karl Türkhard und Onkel Heiner zum Kaffee da. Wenn du doch auch bald einmal kämest. Morgen will Mama dir 4 Pakete schicken. Ich und Botho helfen im Geschäft beim Eindrucken tüchtig mit.

In der Hoffnung auf ein

baldiges Wiedersehen grüsst

und küsst dich dein

Eduard

Brief Pulverfabrik Teil 1

Brief Pulverfabrik Teil 2Bilder zum Vergrößern bitte anklicken!

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Presse-Echo: Hanauer Anzeiger 19.09.2015

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